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Sonntag, 28. November 2021

Meldung vom: Donnerstag, 21. März 2013 um 12:36 Uhr | Kategorie: Kultur | Autor:  Sebastian Großert

Warum sich die Van-de-Velde-Ausstellung im Neuen Museum lohnt

Eine opulente Ausstellung zeichnet ab Sonntag im Neuen Museum Weimar Leben und Werk Henry van de Veldes nach. Fragen und Antworten: Warum sich die Schau lohnt.

Was gibt es zu sehen?

Die Kuratoren Thomas Föhl und Sabine Walter von der Klassik-Stiftung Weimar haben 700 bis 800 Exponate ausgewählt - vor allem Kunstwerke, die van de Velde entwarf, aber auch Fotos und Modelle von Entwürfen. 90 Gegenstände stammen aus dem Bestand der Stiftung selber, die anderen kamen von Leihgebern aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden - Museen vor allem, aber auch zahlreichen Privatsammlern.

Ein solcher Privatsammler hat beispielsweise "Ein Dinner bei Harry Graf Kessler" ermöglicht, eines der eindrucksvollsten Exponate. Über Jahre hinweg hat der Sammler ein komplettes Tischgedeck für zehn Personen zusammengetragen, wobei alle 14 Stücke für jeden Gast von van de Velde entworfen wurden. Die Klassik-Stiftung hat damit eine Tafel arrangiert, für die Harry Graf Kessler als Freund und Mäzen van de Veldes mit seinem Namen Pate stand.

Zudem haben die Kuratoren zahlreiche Möbel und Inneneinrichtungsgegenstände ausgestellt, die van de Velde entworfen hat. Ein Friseursalon in Berlin gehört dazu, die Tür der Deutschen Bank in Augsburg von 1906, Tische, Stühle, Sessel, Schreibtische. Wenn es keine Einzelstücke blieben, wurden die Möbel meist nur in geringen Stückzahlen gefertigt - der Exklusivität wegen. Aber van de Velde konnte auch Holzklasse - im Wortsinn: 1933/34 entwarf er die dritte Klasse für die Belgische Staatsbahn. Eine der Doppelholzbänke - eine Sitzfläche an jeder Seite einer Trennwand - steht in der Ausstellung in Weimar.

Warum soll ich mir das anschauen?

Weil es die erste große Ausstellung zum Werk van de Veldes in Weimar seit 20 Jahren ist. Weil van de Velde einer der spannendsten Künstler des 20. Jahrhundert ist. Und weil viele Stücke in der Ausstellung noch nie gezeigt wurden.

Wer war Henry van de Velde?


Als "Alleskünstler" wird er bezeichnet und auf sein "vielschichtiges" Werk verwiesen  - aber solche Begriffe erscheinen immer noch zu klein, um Henry van de Velde zu charakterisieren. Er hat so viel entworfen, gemalt, geplant, konzipiert und gestaltet, dass es für drei Leben reichen würde. 1863 in Antwerpen geboren, beschäftigt er sich zunächst mit der Malerei. Als 30-Jähriger wendet er sich dem Kunstgewerbe zu und dann der Architektur: Er baut 1895 Haus Bloemenwerf in Uccle bei Brüssel. Diesem ersten Privathaus sollten viele weitere folgen. 1902 kommt Henry van de Velde als Berater des Großherzogs nach Weimar, wo er 15 Jahre lang bleiben und arbeiten wird. "Seine" Kunstgewerbeschule und viele Privathäuser in Weimar zeugen davon. Doch es wird ihm nicht gedankt: 1914 verliert er seine Stellung, wird regelrecht rausgeekelt und geht 1917 in die Schweiz. Es folgt eine wiederum überaus produktive Schaffensperiode in den Niederlanden und Belgien, bis van de Velde 1947 endgültig in die Schweiz emigriert, wo er 1957 stirbt.

Und was gibt es nicht zu sehen?


So umfassend sein Werk vorgestellt wird - der Mensch dahinter kommt ein wenig kurz. Gern würde der Besucher mehr erfahren, warum van de Velde seine gleichnamige GmbH für Kunstgewerbe in Berlin um die Jahrhundertwerde nicht profitabel betreiben kann. Warum ist er, der so viel schuf, sein Leben lang auf Gönner und Mäzene angewiesen? Warum hat er zwar zahlreiche Privatgebäude, aber gerade eine handvoll öffentliche Bauten errichtet? Wie kommt es zu den Anfeindungen und Intrigen gegen ihn - in Weimar genauso wie in seiner Heimat? Möglich, dass sich die Klassik-Stiftung diesen Aspekt für eine weitere Ausstellung aufspart.

Ich will noch mehr van de Velde!


In Thüringen sowie in Chemnitz sind im 150. Geburtsjahr des Künstlers 15 Einzelausstellungen zu sehen, die sich mit ihm oder Künstlern in seinem Umfeld befassen. 2,2 Millionen Euro haben diese Ausstellungen nach Angaben von Thüringens Kulturminister Christoph Matschie gekostet. In Weimar selbst zeigt die Bauhaus-Universität in ihrem Hauptgebäude, das von dem Belgier entworfen wurde, ab 29. März die Ausstellung "Der Architekt Henry van de Velde". Über alle Ausstellungen informiert die Internetseite vandevelde2013.de

Und wenn ich nicht nach Weimar fahren will?


Vom 13. September 2013 an ist die Ausstellung in Brüssel zu sehen, in den Musées royaux dArt et dHistoire. Kurator Thomas Föhl berichtete übrigens, dass es wegen des belgischen Sprachenstreits "ein langer Weg" war, den Flamen van de Velde in der französisch geprägten Hauptstadt zu zeigen. "Geht doch nach Antwerpen, geht doch nach Gent", habe man zu hören bekommen, so Föhl.

Ein Video zur Aussstellung in Weimar haben die Kollegen der Zeitungsgruppe Thüringen gedreht:

 

Die Daten zur Ausstellung "Leidenschaft, Funktion und Schönheit" - Henry van de Velde und sein Beitrag zur europäischen Moderne:

Ort: Neues Museum Weimar, Weimarplatz 5

Zeitraum: Sonntag, 24. März, bis Sonntag, 23. Juni

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr

Eintritt: 5,50 Euro Erwachsene, 3,50 Euro ermäßigt, 1,50 Schüler

Führungen: jeden Freitag 15 Uhr und jeden Sonntag 11 Uhr

Weitere Informationen auf klassik-stiftung.de


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